White Wings weite Wochenendreisen
Samstag, den 11. Juni 2011   

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Marc und Alex über der Mosel. Foto: Markus Rosemann

Wie ein Fan von Spiel zu Spiel reist
Noch 15 Sekunden auf der Uhr. Anish Sharda dribbelt mit dem Ball nach vorne, stoppt ab. Noch elf Sekunden. Der Wurf aus über acht Metern, drin. Der Ausgleich! Die mitgereisten Fans springen auf, jubeln. Doch sofort läuft der Gegenangriff. Die Nummer Elf zieht zum Korb, passt den Ball. Auf der Tribüne eine Mischung aus Hoffnung, Nervosität, Lähmung und gespanntem Warten. Noch drei Sekunden. Die Nummer Acht hat nun den Ball – aus der Entfernung sicher ein Treffer. Die Hoffnung schwindet. Plötzlich stellt sich Kapitän Norman Lang dem Gegner in den Weg, neue Hoffnung. Und dann? Der Monsterblock, kein Treffer! Null Sekunden auf der Uhr – geschafft, Verlängerung!


Sekunden, die Alexander Leuschel lange nicht vergessen wird. Qualvolle Sekunden zwischen Hoffen und Bangen. Der 45- Jährige sitzt in der alten Halle im Sportzentrum Süd im Heidelberger Vorort Kirchheim, verfolgt gespannt das Spiel seiner Hanau White Wings gegen die SG Heidelberg / Kirchheim in der Regionalliga Südwest. „Das ist wie ein Virus, das Management und der Trainer haben mich infiziert“, ist der Hausverwalter auch an diesem Samstag wieder voller Eifer dabei und fiebert mit seinem Team, auch wenn er selbst nie Basketball gespielt hat. „Die Mannschaft moralisch und seelisch unterstützen zu können, ist einfach großartig.“ Die Leidenschaft entfachte sich bei Leuschel schnell. Ein Freund nahm ihn mit zu einem Heimspiel der Hanauer. Und heute reist der glühende Anhänger mit der Mannschaft quer durch Süddeutschland. Am Ende der Saison hat er so über 2428 Kilometer mit dem Auto und Bus abgerissen. Von Kronberg bis Tübingen, von Saarlouis bis Göppingen, kein Weg ist einem „Hardcore-Fan“ zu weit.

Doch was treibt Alexander Leuschel an, um mit dem Team von Spiel zu Spiel zu ziehen? „Auf die Dauer ist eine enge Bindung entstanden“, sagt Leuschel mit dem Feuer der Begeisterung in den Augen. „Die Spieler sind wahre Freunde geworden. Es ist toll ein Team so wachsen zu sehen!“ Und diese Begeisterung ist ihm auf der Tribüne anzusehen, sie springt geradezu aus ihm heraus, wenn er lauthals sein Team nach vorne peitscht - egal ob mit oder ohne Trommel, egal wie das Spiel läuft. Über diese Unterstützung freuen sich nicht nur die Spieler. „Ohne unsere Fans hätten wir bestimmt das eine oder andere Spiel mehr verloren“, betont Trainer Hans Beth. Gemeinsam mit den Spielern bedankt er sich nach jeder Partie bei jedem Hardcore-Fan persönlich. „Wenn man mit den Spielern spricht, erfährt man große Wertschätzung, die sie mit Leistung versuchen zurückzuzahlen. Was will man mehr?!“, freut sich Leuschel über diese Geste der Anerkennung.

Aber auch mit Rückschlägen muss der Fan umgehen können. Etwa bei der 103:95-Niederlage in Heidelberg. Die Mannschaft reist als Tabellenführer zum Tabellenletzten. Der 19. Sieg in Serie ist fest eingeplant. Und dann das. Gerade noch in die Verlängerung gerettet, voller Euphorie und Optimismus. Und plötzlich klappt nichts mehr. Da sitzen 23 hartgesottene Hanauer-Fans auf den Zuschauerrängen, mittendrin Alexander Leuschel. Treiben ihr Team nach vorne, aber kein Ball findet den Weg ins Ziel, kein Korb gelingt. „Das nimmt einen schon mit“, gibt sich der mitgereiste Fan sichtlich enttäuscht. „Verärgert aber wäre ich nur, wenn das Team keinen Einsatz gezeigt hätte.“

Sieben Punkte Rückstand – weniger als 45 Sekunden noch zu spielen. „Hightower“, so nennt Alexander Leuschel den mit 2,11 Meter größten Spieler des Teams Chris Miles, ist mit fünf Fouls bereits disqualifiziert. Hektik auf dem Spielfeld. Aufbauspieler Sebastian Köhnert zieht zum Korb und wird gefoult – zwei Freiwürfe. Treffer, nur noch sechs Punkte. Zweiter Versuch – Fehlwurf! Immer noch sechs Punkte Rückstand. Heidelberg im Angriff. Thomas Wagner foult sofort die Nummer Zehn, um die Zeit zu stoppen. Jetzt steht Heidelbergs Nummer Zehn, Martin Rittinger, an der Freiwurflinie. Erster Versuch – drin. Zweiter Versuch – auch drin. Die Vorentscheidung, das weiß auch Leuschel. Enttäuscht sackt er auf seinen Sitzplatz. Abpfiff. (Marc-Thorben Bühring)